Überwachung ist wie ein Puzzlespiel

Ein Umdenken was den Schutz seiner Privatsphäre und den Datenschutz im digitalen Zeitalter angeht, ist vernünftig und erstrebenswert. Ich sehe, darin aber keine allgemeingültige Lösung für das Problem.

Im Gegenteil, damit bestreiten wir einen Wettkampf zwischen den Überwachern und den Gegnern der globalen Überwachung. Hinzu kommt, dass diese Maßnahmen, meistens nur von eher technisch Versierten Menschen genutzt werden.

Zudem komme selbst ich an meine Grenzen, wo meine Geduld und Lust aufhört, alles zu Schützen und zu Verschlüsseln.

Meine Kommunikationsmöglichkeiten werden eingeschränkt, weil leider nicht alle Menschen in meinem Umfeld, die gleichen Techniken einsetzen (zum Teil auch nicht wollen). Auch muss ich viel Zeit investieren um auf dem neusten Stand der Sicherheitsmöglichkeiten zu sein.

Häufig ertappe ich mich auch, dass ich bestimmte Dienste und Möglichkeiten einfach gerne nutzen möchte und dadurch in mein Schutzschild ein großes Loch reiße.

Ich verstehe auch die Menschen, die Müde geworden sind noch zu Demonstrieren und Ihren Unmut öffentlich Kundzutun. Teilweise ist es auch die Angst, sein Gesicht zu zeigen.

Ich habe Menschen kennengelernt, die gerne in die USA einreisen wollen und sich deswegen Gedanken machen, an einer Protestbewegung gegen die Massenüberwachung überhaupt noch teilzunehmen. Die Angst vor einem Einreiseverbot wächst. Vielmehr geht aber die Angst im Allgemeinen vor den Geheimdiensten und Ihren Machenschaften um.

Was die Müdigkeit zum Demonstrieren angeht, sehe ich das gerade bei den Überwachungsprotesten. Menschen sehnen sich nach Zielen und Veränderungen die Sie bewirken können (oder wenigstens Hoffnung hegen), für umweltpolitische Themen gehen weiterhin Zehntausende Menschen auf die Straße. Selbst gegen ACTA waren 2008 auf der Freiheit statt Angst in Berlin etwa 100.000 Menschen an der Protestbewegung beteiligt.

Doch dürfen wir nicht vergessen, auch bei einem Thema, was schwer greifbar ist und man heute noch nicht Betroffen zu sein scheint. Geht es auch um Solidarität mit unseren Mitmenschen.

Es geht um ungeklärte Fragen, wie wir in Zukunft mit Whistleblower verfahren wollen, welche Grenzen wir Geheimdiensten setzen wollen und auch Einschränkungen bei der Produktion und dem Verkauf von Überwachungstechniken.

Ich habe mit Menschen gesprochen, die der Meinung sind, weil andere Länder mit Ihren Geheimdiensten spionieren, dürfen wir das auch. Daraus leite ich, würden es die anderen nicht tun, hätten wir keine Grundlage dazu. Nur muss irgendwer damit Anfangen. Wir werden in Deutschland so oder so ausgespäht und von den Geheimdiensten überwacht. Spionageabwehr wird von unseren Geheimdiensten gar nicht erst betrieben. Umso mehr würden wir der Welt zeigen, dass wir ein neues Kapitel in den Geschichtsbüchern schreiben, indem wir unsere Geheimdienste abschaffen. Wenigstens weitestgehend in den Kompetenzen beschneiden, was die Überwachung der gesamten Bevölkerung angeht.

Denn wenn wir diese Praktiken einfach tolerieren und uns nicht dagegen Wehren, wird auch mit dieser Legitimation und dem technischen Fortschritt die Überwachung nur noch umfassender werden.

Ich möchte einmal Edward Snowden zitieren:

Ich will nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich sage, alles was ich mache, der Name jedes Gesprächspartners, jeder Ausdruck von Kreativität, Liebe oder Freundschaft aufgezeichnet wird.

In einer Welt wo die Angst so groß ist, Kontrolliert und Überwacht zu werden, wie wollen wir in Zukunft noch Veränderungen bewirken. Wen es heute schon Menschen gibt, die sich vor der Überwachung der Geheimdienste und der Staaten fürchten, wie sehr wird die Angst in den nächsten Jahren sein.

Wenn wir weiterhin warten und unser Engagement auf morgen verschieben wollen, werden wir irgendwann Aufwachen, wenn es bereits zu spät ist. Überwachung ist wie ein Puzzlespiel, erst wenn alle Teile zusammengesetzt sind, erkennt man das gesamte Bild.


Information:

Zitiat von Edward Snowden (Original engl.)

„I do not want to live in a world where everything I do and say is recorded. That is not something I am willing to support or live under.“